Das Ziel der Vollkommenheit im Bereich der Dualseelenliebe

Das Ziel der Vollkommenheit im Bereich der Dualseelenliebe

28. November 2019 1 Von urquellliebe

Wir vergöttern die Vollkommenheit, weil wir sie nicht erreichen können; wir würden sie verwerfen, wenn wir sie hätten. Das Vollkommene ist unmenschlich, denn das Menschliche ist unvollkommen.

Fernando Pessoa (1888-1935)

Als ich dieses Zitat gelesen habe, wurde mir klar, dass in wenigen Worten, die ganze Problematik der Dualseelenszene beschreibt.

Man sagt uns, nur mit der Dualseele seien wir vollkommen!

Wir vergöttern die Vollkommenheit, weil wir sie nicht erreichen können!

Was man nicht erreichen kann, will man oftmals unbedingt haben. So folgt man mindestens einigen der angeblich wirksamen Taktiken, in der Hoffnung zu erreichen, was man sich so sehr wünscht.

Würde man aber den geliebten Menschen bekommen, wäre es gut möglich, dass man ihn so, wie er ist, gar nicht will, weil man ahnt/fühlt, es würde eigentlich gar nicht passen.

Weil man dann erkennt, die Vollkommenheit, die man angestrebt hat, ist beim anderen so weit entfernt, wie die Milchstraße von deinem Fenster aus gesehen.

Von allen möglichen Seiten wird einem heute beschrieben und erklärt, dass man an sich selbst arbeiten muss, um vom geliebten Menschen gesehen, erkannt, angenommen und geliebt werden kann.

Besonders Frauen erklärt man gerne, wie Vollkommenheit sein sollte!

Mit Vorliebe schiebt man diesen Part übrigens Frauen zu. Schaut euch einmal in der Dualseelenszene um, schaut euch die Anhänger dieser Dualseelenliebegrößen einmal an, größtenteils Frauen.

Es gibt auch einige Experten, die ihre Texte speziell auf Frauen ausgerichtet haben.

Wenn Frau Ihre männlichen und weiblichen inneren Anteile ausgeglichen hat, dann funktioniert es auch mit dem Mann.

 Wieso auch immer, ich mag hier gar nicht darüber nachdenken und analysieren, sind Frauen begehrte Klienten (Opfer), solcher Redner, Ratgeber und Kundtuenden.

Ich möchte und werde hier keine Namen nennen. Jeder der sich ein wenig mit der Dualseelenszene bekannt gemacht hat, weiß, wo hier die bekanntesten Experten zu finden sind.

Schaut euch einmal die Kommentare an, schaut euch einmal an, wer es ist, der auf die Kritiker in den Kommentaren losgeht.

Schaut euch einmal an, von welcher Seite die meisten positiven Kommentare und Bewertungen dieser Experten kommen und ihr versteht, was ich meine.

Aber wieder zum eigentlichen Thema zurück:

VOLLKOMMENHEIT soll unter anderem angestrebt werden.

Vollkommenheit im eigenen Sein, im Leben, im Umfeld, in der Seele, in den eigenen Gefühlen, im Charakter, das Ego und innere Kind betreffend und vor allen Dingen im „Dualseelen-Prozess.“

Aber, wir können keine Vollkommenheit erreichen, weil wir Menschen sind.

Menschen, die hier sind, um zu leben und zu lieben, um glücklich zu sein und auch um zu leiden, um Fehler zu machen, die uns wiederum prägen und aufzeigen, dass wir keine Götter sind, sondern Menschen.

Gerade unsere Fehler zeigen uns auf, dass unser Platz nicht auf einem göttlich anmutenden Thron ist, sondern hier unten, auf der Erde, mit den Füßen auf dem Boden auf einem einfachen Stuhl und nicht dem spirituellen Thron.

Glück und Leid, sowie eigene persönliche Erfahrungen sind die Faktoren, die uns formen, zu dem, was wir sein sollen.

Und ist es nicht so, dass ein jeder anders, ganz individuell und einzigartig eben, mit glücklichen und unglücklichen Ereignissen und Gefühlen umgeht, eben auf seine unverwechselbare Art und Weise, als Unikat, und nicht wie mit einem Konsumgut.

Es gibt keinen, der dies auf die gleiche Weise tut und fühlt, wie ein anderer.

Die Fehler, die wir zum Glück begehen, und deren Folgen sind unsere besten Lehrer.

Aber, was kommt nach der Vollkommenheit? Was soll der Mensch dann, hier auf der Erde noch anstreben? Also wäre doch der eigentliche Sinn dahinter, göttlich zu werden.

Nun propagieren aber gerade solche Experten gerne, dass man im göttlichen Sein, keiner Liebe von außen mehr bedarf!

Wieso sollen also Dualseelen „vollkommen“ sein, wieso einen Einheitsweg gehen, der jegliche Individualität vermissen lässt?

Es geht immer nur darum, dich zu verändern, der andere darf bleiben wie er ist!!!

Und wieso hast nur DU Fehler die korrigiert und bearbeitet werden müssen, wo sind die Fehler des Menschen, den Du liebst?

Genau, man akzeptiert diese, als zu deinem Dualseelen-Gegenüber zugehörig. Er/Sie darf ja Fehler haben, denn immerhin muss er/sie dir ja spiegeln, was an DIR nicht stimmt und geändert werden muss.

Hier wird also Unvollkommenheit akzeptiert, weil Du ja ansonsten deine Unvollkommenheit nicht erkennen und in Vollkommenheit wandeln könntest.


Du merkst dabei hoffentlich selbst, wo hier der Fehler so offensichtlich zu finden ist?

Du sollst vollkommen werden, um die Partnerschaft mit einem unvollkommenen Menschen anzustreben.

Du sollst dich also hocharbeiten, vom ungöttlichen, ins göttliche hinein und dein Gegenüber darf ungöttlich bleiben, um mit dir dann eine göttliche Beziehung einzugehen.

Genaugenommen strebt man damit doch an, irgendwann in einer Art Hierarchie über dem geliebten Menschen zu stehen!

Viele bemerken oft nicht, wie paradox sie leben und lieben.

Auf der einen Seite erklärt man ihnen, dass sie selbst sich ändern „müssen“, um geliebt werden zu können, wenn sie denn die Stufen eines Prozesses durchlaufen haben.

Auf der anderen Seite bleibt da der geliebte Mensch einfach außen vor, von jeglicher Entwicklung/Wachstum und Arbeit an sich/in sich selbst, ausgeschlossen.

Von ihm/ihr wird nichts gefordert, er/sie soll sich nicht anpassen, formen, ändern, damit DU ihn lieben kannst.

Er wird in all den Theorien über Dualseelen einfach außen vorgelassen, es ist immer nur einer, der an sich und seinem Leben arbeiten darf.

Wo bleibt hier die Aufforderung zur Vollkommenheit beim anderen, die man von dir von allen möglichen Seiten fordert?

So gesehen ergibt das Wort Dual(ität) schon einen ganz anderen Sinn. Zwei Gegensätze, ein unvollkommener Teil soll sich ändern hin zur Vollkommenheit, um mit einem unvollkommenen Teil zusammengefügt zu werden!

Das schon fast humorvolle daran ist es, dass dein Gegenüber zumeist gar nichts davon weiß, dass er dein Gegenpart eines Dualseelenprozesses sein soll. Geschweige denn, dass er/sie jemals von Dualseelen oder einen solchen Prozess gehört hat.

Das ist ungefähr so, als führen zwei Personen eine Diskussion darüber, welche Erkenntnisse einem das Gehen des Jakobsweges bringen kann.

Wobei sich hier dann zwei Menschen gegenüberstehen, von denen einer von beiden den Jakobsweg gegangen (vielleicht sogar mehrfach) ist, und der andere hat noch nie etwas davon gehört, weiß noch nicht einmal wo sich dieser befindet, welche Route man geht und wozu er gut ist.

Dieser Zweite sollte aber die Erkenntnisse, die dieser Jakobsweg bringen soll, besitzen, damit überhaupt ein sinnvoller Austausch stattfinden kann. Dies wäre doch nur ein Erklären, von dem der ihn schon ging, aber es wäre kein wahres Verständnis da, bei dem der ihn nicht kennt.

Zurück zum Zitat:


Wir vergöttern die Vollkommenheit, weil wir sie nicht erreichen können; wir würden sie verwerfen, wenn wir sie hätten. Das Vollkommene ist unmenschlich, denn das Menschliche ist unvollkommen.

Unglücklich Liebende greifen manchmal nach jedem Strohhalm, weil sie sich dadurch erhoffen, endlich mit dem geliebten Menschen vereint zu werden.

Dies kann zum einen, von einem selbst wegführen, also weitab eines Jakobsweges, zum Anderen führt es einem immer weiter vom geliebten Menschen weg.

Denn nur „Vollkommenheit“ ist als Ziel anstrebenswert.

Wohlgemerkt, die eigene Vollkommenheit, der andere ist ja mit all seinen Fehlern, seinen Charakterschwächen, seinen unerkannten Schatten und den Verletzungen, die er dir bewusst- oder unbewusst zufügt, in deinen Augen und denen einiger Ratgeber „VOLLKOMMEN“.

Man stilisiert hier den Menschen, den man erreichen möchte zu einer unerreichbaren vollkommenen Version eines Menschen. Und dann ist man maßlos enttäuscht, wenn man ihn wirklich kennenlernt.

Man setzt sich dabei selbst herab!

Das Schlimme daran ist, dass man auf sogenannten Prozesswegen und allen möglichen anderen Theorien, einfach übersieht, dass man sich selbst als unvollkommenen Menschen deklariert und auch so behandeln lässt.

Denn Vollkommenheit kann nur erreichen, wer zuvor unvollkommen ist. Dies bedeutet doch auch, dass man den Menschen, den man liebt auf den göttlichen Status der Vollkommenheit platziert und sich selbst weit darunter einstuft, nämlich als unvollkommen.

Darüber sollte man einmal nachdenken und nicht darüber, wie man durch all diese sinnlose Arbeit an sich selbst, in eine „vollkommene“ Partnerschaft findet und danach erkennen muss, dass der andere alles andere als vollkommen ist.

Eine Wahrheit ist: Du bist als Mensch schon vollkommen!

Im Grunde sagt dieses Zitat von Fernando Pessoa eine schlichte aber unglaublich wichtige Wahrheit aus, die gerade in der Dualsseelenszene gerne übersehen wird.

Du bist unvollkommen, weil du menschlich bist, wärst Du vollkommen, würdest Du diese Vollkommenheit hier auf Erden wohl ablehnen, weil Du dich dadurch zu weit vom menschlich sein entfernt hättest. Weil Du Mensch bist, darfst Du unvollkommen sein. Weil Du unvollkommen bist, bist Du menschlich.

Also höre einfach auf damit, eine Vollkommenheit anzustreben, die dir nicht gebührt. Bleibe einfach Du und menschlich. Mehr braucht es nicht.

Dieses Zitat sagt dir aber auch, dass Du so wie DU bist, menschlich RICHTIG bist. Gehst Du einen Weg, und Du wirst da vollkommen werden, wo es sein soll und nicht da, wo man dir sagt, dass es sein muss.

Strebst Du danach, vollkommen zu werden, durch die Unvollkommenheit eines anderen und seinen Handlungen dir gegenüber, so strebst Du danach, deinen wirklichen Aufgaben hier auf der Erde zu entfliehen.


Dualseelenliebe ist ein Weg der Liebe und keine Schule und harte Lehre zur Vollkommenheit hin.

© Erika Flickinger

Im Übrigen müssen wir nicht göttlich werden, wir alle tragen Gott in uns, sind also im Prinzip göttliche Wesen.

Mit dem Unterschied, dass wir hier auf Erden sind, um unserer Seele die Möglichkeit zu geben, zu wachsen, sich auszuweiten, einfach um gewisse Erfahrungen zu sammeln.

Zu diesen Erfahrungen könnte vielleicht auch gehören, dich zu akzeptieren, wie Du eben bist und auch, auf dein Inneres zu hören und nicht darauf, was andere meinen, es sei für deine Seele das Beste.

Damit trittst Du das Göttliche in dir im Grunde mit Füßen.

Es kann eine der schwersten Aufgaben sein, dich selbst zu akzeptieren, in all seinen Eigenarten, und all deinen angeblichen Fehlern, die dich doch im Grunde so einzigartig machen, aber auch mit all deinen angeblichen Mängeln. Du bist wie Du bist, und genauso bist Du goldrichtig für den Menschen, der dich wirklich liebt.

Um es dir besser einzuprägen wiederhole ich “Du bist so wie Du bist, vollkommen richtig.” Dies zu erkennen, sollte auf deiner Aufgabenlist oberste Priorität haben.

Nimm dir das Recht, jedem der dir sagt, wie Du zu sein hast, deinen wohlgeformten Mittelfinger zu präsentieren. Das wäre ein phänomenaler Schritt in Sachen Selbstverwirklichung.

Ja, ich meine es genauso, wie ich es geschrieben habe.

Dualseelenliebe bedeutet, zwei unvollkommene Teile finden sich zusammen, um vollkommen zusammenpassend eines zu werden, nicht damit der eine in seiner angeblichen Vollkommenheit, über dem anderen stehen kann.

Zum Abschluss möchte ich noch ein weiteres Zitat zufügen, weil es so schön passt.

Und da so viele Experten darüber berichten, wie man den Weg zur Vollkommenheit oder eben zur Dualseelenliebe beschreiten soll, beziehe ich persönlich das folgende Zitat auf eben diese.

Wieso?

Weil nur, wer eine Erfahrung persönlich gemacht hat, einen vorgeschlagenen Weg selbst erfolgreich oder eher mißlungen, gegangen ist, die Kenntnis hat, darüber zu berichten und andere dazu anzuleiten. Und auch dann müsste bedacht werden, dass jeder seine eigene Art hat, bestimmte Dinge zu leben und zu fühlen.

Ales andere ist angelerntes, den eigenen Gedanken/Wünschen/Vorstellungen entsprungenes- und/oder von anderen vorgelebtes/mitgeteiltes Wissen.

Wer glaubt, mehr zu wissen als so viele andere, oder denkt, besser zu wissen, was für einen Einzelnen gut ist, bewegt sich im Dunstkreis des Hochmutes.

Hierzu zum Abschluss besagtes Zitat:

„Hochmut ist, wenn ein Mensch sich eine Vollkommenheit beimisst, die bei ihm nicht zu finden ist.“

– Baruch de Spinoza –

Ich hoffe ich konnte einige Denkanstöße vermitteln. Denn der Weg zur Vollkommenheit zu wählen, kann ein sehr einsamer Weg sein. Dies insbesondere, wenn man eine angebliche Vollkommenheit innerhalb einer Liebesbeziehung sucht.

© Erika Flickinger

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